„Ich bin davon überzeugt, dass es das Ziel ein sollte, seine Studierenden so auszubilden, dass sie eines Tages noch bessere Ideen haben und elegantere Lösungen entwickeln als man selbst."
Redaktion: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Berufung als Professor für Mess- und Sensortechnik an die Fakultät Ingenieurwissenschaften der HTWK Leipzig. Können Sie uns kurz erläutern, welche Aufgabenbereiche mit Ihrer Professur verbunden sind?
Prof. Weise: Meine Professur für Mess- und Sensortechnik umfasst sowohl die Lehre als auch die Weiterentwicklung dieses zentralen Fachgebiets innerhalb der Ingenieurausbildung. Ein wesentlicher Bestandteil meiner Tätigkeit liegt in der Vermittlung von Grundlagen und Anwendungen der Messtechnik und Sensorik im Bachelor- und Masterstudium. Dazu gehören aktuell die Module Messtechnik sowie Sensorik und Messsysteme im Bachelor und das Sensorprojekt im Master.
Da ich parallel in der Lehre der Grundlagen der Elektrotechnik eingebunden bin und die Module Grundlagen Elektrotechnik 1 und 2 lehre, bin ich besonders stark im Grundstudium aktiv. Die Messtechnik stellt hier ein zentrales Bindeglied dar, da sie grundlegende elektrotechnische Inhalte mit praktischen Anwendungen verknüpft.
Ich sehe meine Aufgabe darin, die Studierenden sowohl methodisch als auch praxisnah auf die vielfältigen Anforderungen moderner Mess- und Sensortechnik vorzubereiten und gleichzeitig die Verzahnung zwischen Grundlagenlehre und anwendungsorientierter Vertiefung weiter zu stärken.
Redaktion: Wie kommt es, dass Sie sich für diesen Forschungs- und Lehrbereich entschieden haben? Wussten Sie bereits vor dem Studium, welchen Weg Sie später einschlagen wollen?
Prof. Weise: Ich hatte das Glück, bereits als Kind die Hochschule kennenzulernen. Mein Vater war Professor für Nachrichten- und Übertragungstechnik an der damaligen Hochschule für Telekommunikation Leipzig (HfTL), und ich habe ihn nach der Schule gelegentlich an seinem Arbeitsplatz besucht – interessanterweise im heutigen Trefftz-Bau der HTWK. In gewisser Weise habe ich mich also schon früh mit den hiesigen Räumlichkeiten vertraut gemacht.
Trotz dieses familiären Hintergrunds würde ich nicht behaupten, dass einem der Weg zur Professur in die Wiege gelegt wird. Es ist ein langer und anstrengender Weg mit sehr vielen Sollbruchstellen.
Nach dem Abitur habe ich mich für ein Studium der Elektrotechnik an der HTWK entschieden, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, wohin mich dieser Weg führen würde. Anfangs interessierte ich mich besonders für die Automatisierungstechnik. Im Laufe des Studiums habe ich dann jedoch die Medizintechnik für mich entdeckt, die damals Teil der Vertiefungsrichtung „Allgemeine Elektrotechnik“ war. Gleichzeitig wuchs mein Interesse an den theoretischen Grundlagen der Elektrotechnik, sodass ich mich nach dem Bachelor dazu entschied, mein Masterstudium an der TU Ilmenau im Fachgebiet der theoretischen Elektrotechnik fortzusetzen. Der Wechsel von den angewandten Wissenschaften in die theoretische Elektrotechnik war tatsächlich sehr herausfordernd. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Studientag mit Veranstaltungen wie „Theoretische Elektrotechnik 2“ und „Signale und Systeme 2“ ohne jemals die ersten Teile an der TU Ilmenau gehört zu haben. Man hätte mich auch an eine chinesische Universität schicken können, ich hätte genauso viel verstanden. Entsprechend intensiv gestaltete sich die Einarbeitungsphase, in der ich viel in der Bibliothek und zu Hause über Büchern verbracht habe.
Rückblickend hat sich diese Anstrengung jedoch gelohnt. Ich konnte mein Studium erfolgreich und schließlich sogar mit Auszeichnung abschließen. Im Anschluss daran promovierte ich 2016 an der TU Ilmenau im Fachgebiet der Theoretischen Elektrotechnik. Es folgten mehrere Jahre in der Forschung, zunächst als Post-Doc am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und anschließend am Universitätsklinikum in Aarhus in Dänemark. Schließlich bekam ich 2023 einen Anruf von Prof. Laukner von der HTWK, dass dringend ein Vertretungsprofessor für Grundlagen der Elektrotechnik gesucht wird – was mich glücklicherweise zu diesem Interview geführt hat.
Was meinen Weg rückblickend geprägt hat, ist eine bewusste Offenheit in der Planung: Ich habe bewusst, nur den nächsten Schritt im Blick gehabt – sei es die Entscheidung für den Master, die anschließende Promotion oder den weiteren wissenschaftlichen Werdegang als Postdoc. Ich habe dabei darauf verzichtet, zu weit im Voraus zu planen, da man gerade zu Beginn eines Studiums nicht abschätzen kann, in welche Richtung sich die eigenen Interessen entwickeln.
Welche Grenzen die eigenen Fähigkeiten haben und welche äußeren Umstände den weiteren Weg beeinflussen oder auch unerwartet verändern können war auch nicht vorhersehbar. Heute gehe ich mit einem Schmunzeln mit meinen Kindern durch die gleichen Gänge, durch die einst mein Vater mit mir gegangen ist. Vielleicht können Sie sich vorstellen, welch schönes, heimatliches und hoffnungsvolles Gefühl mich dabei erfüllt.
Redaktion: Was glauben Sie, sollten Studierende, die sich für ein Studium der Elektro- und Informationstechnik entscheiden, an Fähigkeiten und Interessen mitbringen?
Prof. Weise: Die Wahl von Leistungskursen in Mathematik und Physik kann den Einstieg in das Studium sicherlich erleichtern. Spätestens ab dem zweiten Semester relativiert sich dieser Vorteil jedoch, da sich die Anforderungen zunehmend angleichen. Entscheidend sind aus meiner Sicht weniger konkrete Vorkenntnisse als vielmehr Neugier, Durchhaltevermögen und Bereitschaft, sich auf anspruchsvolle Fragestellungen einzulassen.
Niemand kommt auf die Welt und kann die Maxwellschen Gleichungen von der Differential- in die Integralform überführen. Das Studium der Elektro- und Informationstechnik ist in hohem Maße ein Prozess des Erarbeitens. Eine strukturierte und kontinuierliche Arbeitsweise ist dabei aus meiner Sicht der Schlüssel zum Erfolg – und letztlich auch die Grundlage dafür, Freude am Studium zu entwickeln.
Mir ist in diesem Zusammenhang eine Unterscheidung zwischen „Freude“ und „Spaß“ wichtig, die ich von meinem ehemaligen Physiklehrer gelernt habe. Er meinte, Freude entsteht am Ende eines intensiven Arbeitstages, wenn man etwas verstanden, entwickelt oder erforscht hat. Der Weg dorthin ist mit Anstrengung verbunden. Spaß hingegen ist eher mit Leichtigkeit und Freizeit verbunden. Gerade im Studium lohnt es sich, diese Form der Freude am Fach zu entdecken und wertzuschätzen und nicht mit Spaß zu verwechseln – sie ist ein wesentlicher Antrieb für nachhaltiges Lernen und intrinsischer Motivation.
Redaktion: Welche neuen Projekte würden Sie gerne in Zukunft realisieren?
Prof. Weise: Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Freund von Stillstand bin. Ich habe mich in den letzten Jahren am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften intensiv mit Fragestellungen zur Modellierung von Hirnfunktionen auseinandergesetzt. Dieses Profil übertrage ich auf die Mess- und Sensortechnik an der HTWK und habe mir in den nächsten Jahren zum Ziel gesetzt, das menschliche Gehirn weiter zu erforschen, um unter anderem eine Reihe von Therapieansätzen zu optimieren. Das hat zur Folge, dass der Weg in den OP mit unserer Messtechnik unausweichlich ist. Wie man sich sicher vorstellen kann, sind solche Vorhaben neben den ingenieurtechnischen Fragestellungen auch mit einer Reihe organisatorischer und bürokratischer Hürden verbunden. Solche Vorhaben benötigen sehr viel Ausdauer und können nur von einem interdisziplinären Team gestemmt werden. Aus diesem Grund freue ich mich die nächsten Jahre mit dem Team der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Leipzig und besonders Herrn PD Dr. Florian Wilhelmy an diesen Fragestellungen zu arbeiten.
Es mag dünnere Bretter zu bohren und einfachere Messaufgaben zu lösen geben, aber wahrer Fortschritt ist immer mit einer gewissen Anstrengung verbunden. Ich möchte meine Studierenden gerne dazu ermutigen große Herausforderungen als Chancen anzusehen und mit Mut und Zuversicht anzugehen.
Ich bin davon überzeugt, dass es das Ziel eines jeden Hochschullehrers sein sollte, seine Studierenden so auszubilden, dass sie eines Tages noch bessere Ideen haben und elegantere Lösungen entwickeln als man selbst. Lehre bedeutet für mich nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch Denkweisen zu prägen, Neugier zu fördern und den Mut zu entwickeln, eigene Wege zu gehen. Als Professoren sind wir die Vorbilder, dass mühsames Üben und Lernen sich eines Tages auszahlt. Schließlich sind wir es, worüber unsere Studierenden eines Tages hinauswachsen.
